Papiertheater Tschaya
Papiertheater Tschaya
Papiertheater Tschaya

Gisa Naumann-Namba in ihrem Papiertheater Gisa Naumann-Namba in ihrem Papiertheater

Geschichte
Geschichte

die kleine Welt des Papiertheaters

Entstehung

Das Papiertheater kann als ein Modelltheater beschrieben werden, das sich in Bühnengestaltung, Repertoire und Bühnentechnik bewußt an die Bühne des 19. Jahrhunderts anlehnte. Es diente in Mitteleuropa im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen gedruckten Ausstattungselementen der Unterhaltung im häuslichen Kreis.
Wesentliches und einheitliches Merkmal des Papiertheaters ist, daß als Material für Dekorationen und Figurinen auf Karton geklebte und ausgeschnittene Drucke (zumeist Lithographien) verwendet wurden, die ihren dreidimensionalen Eindruck erst durch den Aufbau der einzelnen, flachen Teile im Raum erhielten. So kopierte es den Aufbau einer barocken Gassenbühne. Die Größe der Bühne entsprach der eines Bühnenbildmodells, wobei der Bühnenausschnitt durchschnittlich 30 x 40 cm groß war. Es war der Versuch einer möglichst exakten Kopie des ‚großen‘ Theaters und damit ein Modelltheater.
Der Name Papiertheater entstand dabei erst in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts und wurde von Walter Röhler (1911-1974) eingeführt. Bis dahin wurden die Bühnen gewöhnlich Kindertheater genannt. Zwischen 1900 und dem 2. Weltkrieg setzten sich Begriffe wie Heimpuppenbühne oder Haustheater durch, Begriffe wie Tisch- oder Zimmertheater fanden ebenfalls Verwendung. Es mußte deshalb eine klare Bestimmung gefunden werden; eine Bezeichnung, die dem Wesen dieser Theaterform am ehesten entsprach. Wie schwierig das war, wird beim Betrachten der in Europa gängigen Bezeichnungen deutlich. Im englischsprachigen Raum heißt diese Theaterform bis heute Toy-Theatre (Spielzeug-) oder Juvenile Drama (Jugend-Theater), im Dänischen Dukketeater (Puppentheater) und im Spanischen nannte man es wie schon im Deutschen Teatro de los Niños (Kindertheater).

Für die außerordentliche Verbreitung zu Beginn des 19. Jahrhunderts war ein komplexes Geflecht verschiedenster Faktoren notwendig, das hier nur kurz umrissen werden soll. Zunächst fand im Druckbereich eine technische Revolution statt. Durch die Erfindung der Lithographie 1798 durch Alois Senefelder (1771-1834) wurde es möglich, schnell und preiswert große Mengen an Bilderbogen zu produzieren. Ohne dieses neuartige Flachdruckverfahren wäre es wirtschaftlich unmöglich gewesen, die Massenproduktion von Bilderbogen und damit auch von Theaterbilderbogen aufzunehmen.
Die Vorläufer des Papiertheaters wie Guckkästen oder religiöse Auschneidebogen waren bis dahin im aufwendigeren Holzschnitt- oder gar Kupferstichverfahren hergestellt worden.
Der entscheidene gesellschaftliche Faktor war die sogenannte Verbürgerlichung des Theaters Anfang des vorigen Jahrhunderts. Die aufblühende Begeisterung des Bürgertums für das Theater nach der französischen Revolution und die Geisteshaltung der Biedermeierzeit mit ihrer Introvertiertheit, ihrem Rückzug in die eigene Sphäre der Familie und Häuslichkeit, begünstigten die Übertragung von Theater in den häuslichen und familiären Bereich.
Das Papiertheater entwickelte sich so zum Modell des Illusionstheaters des 19. Jahrhunderts, zur Nachahmung des »Spiegels der Wirklichkeit«.

Durch die Theater-Reformen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dieses Illusionsprinzip in Frage gestellt: nicht Nachahmung sondern Neuschöpfung wurde Gegenstand der Theaterarbeit. Damit und vor allem durch neue (Massen-)Medien, wie Film, Radio und später Fernsehen, verlor das Papiertheater bis zur Mitte unseres Jahrhunderts an Bedeutung.
Schon nach dem 1. Weltkrieg beschäftigten sich in der Regel nur noch Sammler mit dieser Theaterform, das Spielen im familiären Kreis trat in den Hintergrund. Erst Ende der 70er Jahre fand das Papiertheater durch Ausstellungen und öffentliche Aufführungen (erstmalig nach fast 150 Jahren) wieder den Weg zu einer interessierten Öffentlichkeit.
Text:  Rüdiger Koch,  Papiertheater Invisius Berlin